Eine seltsame Liebeserklärung

Dieses Buch zu lesen ist ein Erlebnis, aber so geht es mir immer damit, es hat unheimlich viele tiefe Schichten. Ich schreibe nicht nur, ich erlebe nicht nur eine meiner vergangenen Inkarnationen, ich entfalte mich mit Hilfe des Schreibens – und manchmal auch einfach mit Hilfe des Lesens.

Sie überlegte: „Was ist es nur, was ihn zurückhält? Warum öffnet er sich nicht? Wenn er mich nicht wollte, dann hätte er nicht mit mir zu schlafen brauchen. Ich hab ihn ja schließlich nicht gezwungen …“ Aber sie kam nicht drauf, dass er es nicht konnte, weil er sie liebte.

Ich las, mein Blick blieb an dem „weil er sie liebte“ hängen. Ich las es noch einmal und noch einmal, und ich verstand plötzlich, dass es gar nichts mit mir zu tun hatte, dass Cristos sich nicht öffnen konnte. Er hatte eine Mission, die ihm wichtiger als sein Leben war. Ich war Helfer bei der Sache, einer von ganz vielen … Wenn ihm bewusst geworden wäre, dass er mich liebt, hätte es seinen Seelenplan durchkreuzen können. Es nicht wahrzunehmen war gewissermaßen ein Schutz. Für Liebe blieb einfach kein Raum.

Nachdem Beatriz gestorben war, hatte sie ihm eine üble, tränenreiche Szene gemacht wie nie zuvor und nie danach. Sie fühlte sich schäbig behandelt … erkannte nicht, dass er weder etwas mit ihrem Selbstwertgefühl zu tun hatte noch mit ihrer Erwartungshaltung.

Wir lassen diese alten Geschichten Geschichten sein, wenn wir endlich darüber lachen können. Heute kann ich es.

Aber zurück zu meinem hängengebliebenen Blick. Gestern beim Lesen begriff ich tief innerlich, wieso er sich einfach nicht erlauben konnte, die Liebe zu Bea zu fühlen. Er wollte uns die Neue Welt zeigen, dem hat er sein ganzes Leben gewidmet. Das Unternehmen durfte unter gar keinen Umständen gefährdet werden.

Ich sagte spontan: „Cristos, ich verzeihe dir.“ Und mit Erstaunen nahm ich wahr, dass sich etwas in meinem Herzen fühlbar löste. Es schmolz dahin.

Ich meine, ich hab den Text schon vor mehr als drei Jahren geschrieben. In meinem Kopf war die Sache vollkommen klar. Und sie war dennoch nicht klar. Immer wieder habe ich dem nachgespürt, wie es nur sein kann, dass einer liebt und sein Herz dabei verschließt.

Der energetische Knoten hat sich gelöst. Und das ist Verzeihen, nicht mit dem Mund, nicht im Verstand, sondern nur im Herzen kann es geschehen. Es hat nie etwas mit der anderen Person zu tun, niemals, immer mit einem selber.

Wie sagte Antoine de Saint-Exupéry doch? „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Cristos konnte sich Beatriz gegenüber nicht öffnen, WEIL er sie liebte. Welch eine seltsame Liebeserklärung! 500 Jahre zu spät …

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